Einmal ins Hinterland und zurück

Sie war ein Fest, die „Hinterland of Things“ am 14.2.2019 in Bielefeld. Ein Fest der positiven digitalen Energie. Den Veranstaltern geht es bei der Veranstaltung in erster Linie um eine Vernetzung von Mittelstand und Start ups. Und dadurch letztlich darum, mittelständischen Unternehmen den Weg in die digitale Zukunft (naja, eigentlich sind wir ja schon in digitalen Gegenwart) zu erleichtern. Und das ist ihnen meiner Meinung nach mit der Veranstaltung in diesem Jahr sehr gelungen. Zum einen dadurch, dass wirklich spannende Start ups die Gelegenheit hatten sich zu präsentieren und zum anderen durch sehr gute Speaker und Diskussionspanels. Aber vor allem durch eine unglaublich gute Stimmung, die auf der Veranstaltung entstanden ist. Sozusagen Pioniergeist überall. Man konnte es fühlen: den Wunsch die Ärmel hoch zu krempeln und loszulegen.

Aber der Reihe nach. Der sehr inspirierender Tag fing schon wunderbar an. Nämlich mit der Möglichkeit zu einem kurzen „Hallo“ und Handshake mit Dorothee Bär, der Staatsministerin für Digitalisierung.

Das Konferenz-Programm, das dann begann war ziemlich klassisch: Vorträge von Einzelpersonen und Diskussionspanels. Das ist normalerweise nicht so 100%ig mein Ding. Durch die hochkarätige Besetzung waren aber alle Beiträge durchwegs interessant und kurzweilig.

Los ging es mit Frank Thelen. Er präsentierte einen „Baukasten für die Zukunft“:  einen Überblick über die Technologien, die uns in den nächsten Jahren am stärksten beschäftigen werden (Künstliche Intelligenz, IoT, Blockchain, 3-D-Druck, Quantum Computing etc.). Und dann schlug er den Bogen zur Situation in Deutschland/ Europa. Er plädierte leidenschaftlich dafür, in diesen Bereichen die Anstrengungen zu stärken. Im Consumer-Bereich ist vieles schon passiert. Amazon gibt es und ein zweites braucht es nicht. Aber in der nächsten Welle der Digitalisierung wird es um deutlich komplexere Fragestellungen gehen: um Unternehmensprozesse (Industry 4.0) und veränderte Produkte. Und genau hier kann speziell Deutschland sein Gewicht in die Waagschale werfen: Denn das ist ein Bereich, in dem wir traditionell viel Erfahrung und Expertise haben. Er wünscht sich „digitale Helden“, die hier angreifen, um das große Potenzial, das es in Deutschland für erfolgreiche Digitalisierung gibt zu nutzen. Als größte Potenzialfaktoren nannte er sehr gute Universitäten mit Forschung auf Weltniveau in den Bereichen Technologie, IT und Life Science. Aber auch eine nach wie vor starke Marke „Made in Germany“ sowie Deutschland als Standort mit zahlreichen wenig bekannten Weltmarktführern in vielen Bereichen („Hidden Champion“). Das war inhaltlich in den meisten Bereichen nicht neu. Aber so gut aufbereitet und präsentiert, dass es Aufbruchstimmung verbreitet hat.

Dass es in Deutschland Unternehmen gibt, die sich intensiv damit beschäftigen, wie eine erfolgreiche digitale Unternehmenszukunft aussieht ist in einem Panel mit mittelständischen Unternehmensvertretern deutlich geworden. Hier haben zwei Traditionsunternehmen vorgestellt, welche Ansätze sie verfolgen: Miele, der Hersteller von Haushaltsgeräten, geht den Weg der Beteiligung an Start ups. Miele beobachtet intensiv das Umfeld von neuen Unternehmen, die eine Passung zu ihrem Geschäft haben. Mit besonders interessanten wird Kontakt aufgenommen und Gespräche geführt und an ausgesuchten beteiligt sich Miele schließlich durch Wagniskapital. Ziel ist es für Miele hier nicht eine Mehrheitsbeteiligung zu erlangen, sondern eher mit den jungen Unternehmen zusammen zu lernen. Claas, auch ein Traditionsunternehmen im Bereich Landmaschinen, hat für die Sicherung der Zukunftsfähigkeit in Berlin das Unternehmen 365FarmNet gegründet. Das junge Unternehmen ist losgelöst von der klassischen Organisation und beschäftigt sich damit, wie der klassische Traktor oder Erntemaschinen zusammen mit  Sensoren und Software intelligente Systeme bilden können, die Landwirte dabei unterstützt wichtige Entscheidungen zu treffen, z. B. wann, wieviel wässern und düngen. Wie schön, es gibt sie also die digitalen Vorreiter aus dem Mittelstand und „made in Germany“ J. Wir brauchen mehr hiervon.

In einem Diskussionspanel ging es dann um das Thema Risikokapital/ Venture Capital. Hier hat Thies Sander von Project A Ventures in einen Satz formuliert, wie dringend notwendig es für die deutsche Wirtschaft ist, sich schnell und intensiv mit den Möglichkeiten der digitalisierten Wirtschaft erfolgreich auseinander zu setzen: „Es geht schlichtweg um alles.“ Und Jeannette von Fürstenberg von La Famiglia VC hat die Wichtigkeit großer Investitionen in junge Unternehmen betont. Auch sie stellte die grundsätzlich guten Voraussetzungen in Deutschland für neue Geschäftsmodelle durch gute Universitäten und kluge Köpfe heraus. Darüber hinaus sagte sie, dass es für Start ups in den frühen Phasen der Unternehmensgründung in der Regel kein Problem ist, Finanzierung in Deutschland zu finden (wenn das Geschäftsmodell gut ist und die Technologie stimmt). Das sind oft die risikoreichen frühen Phasen bei Start ups. In denen aber noch weniger Kapital benötigt wird. Wenn sich ein Geschäftsmodell und eine Technologie als tragfähig erweist, ergibt sich oft ein sehr großer Finanzierungsbedarf, um das Geschäftsmodell schnell und groß auf den Markt zu bringen. Hier sind oft Investitionen von mehr als 100 Mio. Euro notwendig. Bei diesen Summen wird es in Europa schwierig mit Wagniskapital. Hier kommen dann meist Investoren aus den USA oder Asien ins Spiel oder junge Unternehmen wandern komplett in diese Regionen ab. Das ist ein riesiger Verlust für Europa und sollte in Zukunft eingeschränkt werden. Dafür braucht es nach Einschätzung von Jeannette von Fürstenberg geänderte gesetzliche Rahmenbedingungen für Investitionen sowie eine größere Bereitschaft von mittelständischen und großen Unternehmen, auch große Investitionen zu wagen.

Und neben all dem bestand auf der „Hinterland 2019“ die Möglichkeit, sich innovative Start ups und ihre Lösungen aus den Bereichen Künstliche Intelligenz, Robotics, Drohnen und Software as a Service anzuschauen.

Der Tag endete mit vielen spannenden Eindrücken und Anregungen und dem Gefühl, dass das mit erfolgreicher Digitalisierung der Wirtschaft auch außerhalb des Silicon Valley funktionieren kann und wir die guten Voraussetzungen, die wir speziell in Deutschland haben nur nutzen müssen. Und dass das auch schon richtig viele kluge Köpfe und mutige Herzen tun.

Was nehme ich als Hauptimpulse aus diesem Tag mit?

  • Wir haben in Deutschland großes Potenzial, die „zweite Welle“ der Digitalisierung erfolgreich zu gestalten. Dieses Potenzial gilt genutzt zu werden. Und das muss schnell passieren. Dabei spielt Kapital eine entscheidende Rolle.
  • Es muss nicht immer San Francisco, London oder Berlin sein. Es gibt Keimzellen ab von den Hot Spots (im Hinterland eben), die substanziell zur Innovationsfähigkeit von Europa beitragen können. Ostwestfalen-Lippe (OWL) mit Bielefeld ist hierfür ein grandioses Beispiel.
  • Und wie erfrischend, dass die Veranstaltung eben nicht in Berlin stattgefunden hat. Wir brauchen noch viel mehr dezentrale digitale Aktivitäten in Regionen mit starkem mittelständischen „Rückgrat“ und universitärer Anbindung, in denen sich weitere digitale Ökosysteme entwickeln können. Dadurch wird die Etablierung einer möglichst breitflächigen digitalen Wirtschaft in Deutschland und Europa ermöglicht.

Zum Schluß: vielen Dank an das Team der Founders Foundation für ein großartige Veranstaltung. Ich bin mit viel Inspiration aus dem Hinterland in Bielefeld wieder abgefahren und komme spätestens zur „Hinterland 2020“ wieder.

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