Selbstorganisation – eine organisationale und eine psychologische Notwendigkeit

Mehr Energie und mehr Dynamik. Davon können die meisten Organisation eine Portion gebrauchen. Aus diesem Grund experimentieren viele Unternehmen mit neuen Organisationsformen und Methoden, um Entscheidungen zu treffen. Für Organisationen verspricht das viele Vorteile. Meiner Meinung nach sind Selbstorganisation und dezentrale Entscheidungsprozesse aber auch aus psychologischer Perspektive ein guter Weg, um die Energie und Leistungsfähigkeit der einzelnen Organisationsmitglieder zu erhöhen. Und das Beste: die organisationalen und die persönlichen Effekte verstärken sich gegenseitig und sorgen somit noch einmal für mehr Energie: für jeden Einzelnen und für die Organisation.

Warum ist Selbstorganisation nun aus einer organisationalen Perspektive wichtig? Der Aufbau der meisten Organisationen in Form einer arbeitsteiligen Pyramide mit einer Konzentration der Macht zum Treffen von Entscheidungen bei einzelnen Personen, in der Regel Führungskräften, hat in den letzten Jahrzehnten zwar zu einer starken Steigerung von Effizienz geführt, aber Organisationen auch behäbig gemacht. Effizienz ist natürlich auch heute für jede Organisation ein wichtiger Aspekt. Aber mindestens genau so wichtig ist es, schnell und innovativ zu sein. Das Rauf- und Runterkaskadieren von Entscheidungen in einer hierarchischen Organisation ist hierbei wenig hilfreich. Dezentrale Entscheidungen in Teams und bei einzelnen Mitarbeitern versprechen hingegeben mehr Erfolg.

Energie für die Organisation entsteht durch folgende Effekte:

  • Selbstorganisation ermöglicht schnelle Entscheidungen, da sie durch Teams oder Einzelne getroffen werden und die Notwendigkeit der Abstimmung mit und Freigabe durch Führungskräfte entfällt
  • Die durch Teams oder einzelne Teammitglieder getroffenen Entscheidungen orientieren sich an Kundenbedürfnissen, da die Entscheidenden nah am Kunden arbeiten
  • Teams und Teammitglieder, die die Entscheidungen autonom treffen, können leichter und „niederskalig“ Neues ausprobieren. Dadurch steigt die Innovationskraft einer Organisation.

Darüber hinaus setzt Selbstorganisation aber auch auf individueller Ebene Energie frei, indem es das psychologische Grundbedürfnisse nach Autonomie und persönlicher Kontrolle adressiert. Verschiedene psychologische Theorien beschreiben, dass es für das Entstehen intrinsischer Motivation und individuellem Wohlbefinden wichtig ist, dass Menschen die Möglichkeit haben, Kontrolle über ihr persönliches Umfeld zu haben und durch Entscheidungen beeinflussen zu können (Deci & Ryan, 2000 & Grawe, 2004). Genau das ermöglicht Selbstorganisation in Unternehmen. Und damit kann Selbstorganisation dazu beitragen, ein seit Jahrzehnten bestehendes organisationales Problem zu lösen: die geringe oder fehlende emotionale Bindung von Organisationsmitgliedern an ihre Organisation, wie sie die jährliche Gallup Studie dokumentiert. Die Ergebnisse dieser Studie sind durch verschiedene Faktoren bedingt. Ein wichtiger Faktor ist der eingeschränkte Handlungsspielraum für Organisationsmitglieder durch rigide Entscheidungsprozesse. Selbstorganisation kann also dazu beitragen, die intrinsische Motivation und damit die Energie und Leistung bei MitarbeiterInnen zu erhöhen.

Selbstorganisation kann also sowohl für die Individuen innerhalb einer Organisation als auch für die Organisation an sich sehr positive Effekte haben. Dazu kommt, dass sich diese Effekte positive gegenseitig verstärken können: eine dynamische und innovative Organisation bietet das Umfeld, in dem sich intrinsische Motivation gut entfalten kann: Die organisationalen Voraussetzungen verstärken die individuelle Energie. Zudem nutzen intrinsisch motivierte Personen gegebene Handlungs- und Entscheidungsspielräume beherzt und investieren Aufwand, um gute Entscheidungen zu treffen: auf diesem Weg verstärkt die individuelle Energie die organisationale Energie und Leistungsfähigkeit.

Gut eingeführte Selbstorganisation kann also wie ein Vitamincocktail in einer Organisation wirken. Wer diese belebende Wirkung nutzen möchte, muss sich nur trauen, es auszuprobieren.

Ryan, R. & Deci, E. (2000). Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and well-being. American Psychologist, 55, 68-78.

Grawe, K. (2004). Neuropsychotherapie. Göttingen: Hogrefe.

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