Was unsere Gefühle schon heute mit Künstlicher Intelligenz zu tun haben

Gefühle – das ist ganz klar eine Domäne der Menschen. Maschinen und Sensoren können das nicht. Wirklich? Ich bin Psychologin und interessiere mich sehr für neue Technologien, entsprechend verfolge ich mit großem Interesse, was sich an der Schnittmenge dieser beiden Themen tut. Und es tut sich Einiges. Und die Gefühle, die sich bei der Beobachtung der neuen Möglichkeiten hier einstellen, schwanken zwischen Staunen in größter Bewunderung und einem kalten Schauer des Grauens, der einem über den Rücken fährt.

Es ist ein schöner Gedanke, dass die Gefühlswelt von den Veränderungen durch technologische Entwicklung unberührt bleibt. Tatsächlich ist das aber nicht der Fall. Im Gegenteil. Es gibt Bereiche, da sind Sensoren und Maschinen bei Emotionen heute schon um Einiges besser als der Mensch. Der Bereich, in dem Maschinen die Nase vorn haben ist das Erkennen von Emotionen. Für das Erkennen von Gefühlen senden wir zwei Hauptsignale: unsere Mimik, also unsere Gesichtsausdrücke und unsere Stimme.

Der Bereich der Mimik ist dabei besser erforscht. Hier hat der Wissenschaftler Paul Ekman mit seinen Untersuchungen seit den 60er Jahren Pionierarbeit geleistet. Wer die Serie „Lie to me“ geschaut hat, ist hier im Bilde. Ekman konnte zeigen, dass bestimmte Grundemotionen mit universellen, kleinen Bewegungen im Gesicht verbunden sind. Man spricht von sogenannten Mikroexpressionen, mit denen Gefühle identifiziert werden können. Wir Menschen nutzen dieses Wissen meist intuitiv, wenn wir mit anderen kommunizieren und können dadurch erkennen, ob unser Gesprächspartner traurig oder voller Freude ist. Die Wahrnehmung dieser kleinen Zeichen funktioniert bei uns Menschen mehr oder weniger gut, je nachdem wie aufmerksam wir gerade sind oder auch wie empathisch eine Person generell ist. Eine Maschine, die mithilfe eines Algorithmus einmal gelernt hat, diese kleinen Zeichen auf Bildern zu erkennen und dem richtigen Gefühl zuzuordnen, die funktioniert in jeder Situation sicher. Ohne jede Ablenkung, die bei uns Menschen doch allzu oft verursacht, dass wir mit unserer Aufmerksamkeit mehr bei uns selbst sind als bei unseren Gesprächspartnern.

Ein zweiter Bereich, der ein sicheres Erkennen unserer Gefühle zulässt ist unsere Stimme. Der Bereich ist wissenschaftlich noch nicht so lange beackert, dafür scheint es so, dass die Stimme ein noch genaueres Erkennungsmerkmal für Emotionen ist als unsere Gesichtsausdrücke. Auch hier können Maschinen über die richtigen Algorithmen lernen, einer bestimmten Modulation der Stimme ein Gefühl zuzuordnen.

Algorithmen und Emotionserkennung und Computer, die erkennen ob ich wütend, traurig, voller Freude oder überrascht bin. Klingt das nach Zukunftsmusik? Ist es aber nicht: zwei forschungsnahe Unternehmen haben hierfür KI-basierte Lösungen entwickelt: Affectiva ist spezialisiert darauf, auf der Grundlage von Gesichtsausdrücken Emotionen und kognitive Zustände zu erkennen und Beyond Verbal auf die Erkennung von Gefühlen durch Stimmsignale. Und das tut die Technik mit deutlich höherer Treffsicherheit als wir das könnten.

Diese Technologien eröffnen die Möglichkeit, das Leben von vielen Menschen signifikant zu verbessern. Die Diagnostik und Behandlung von psychischen Erkrankungen kann zum Beispiel dadurch unterstützt und erheblich besser gemacht werden. Aus psychologischer Perspektive finde ich das wunderbar.

Andererseits können diese Instrumente natürlich auch im Sinne einer Dystopie à la George Orwell oder Blade Runner eingesetzt werden. So wird aus China berichtet, dass Schüler und Studenten mit Kameras beobachtet werden. Mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz wird erfasst, wie aufmerksam und wach die Studentinnen dem Unterrichtsstoff folgen. Diese Information steht den Lehrkräften zur Verfügung. Und wenn die Aufmerksamkeit nicht so hoch ist, wie gewünscht gibt es eine Ermahnung bis hin zu Sanktionen. Klingt nicht nach unbeschwerter Schul- und Studentenzeit…

Auf der einen Seite Hilfestellung und Unterstützung für Menschen, am anderen Ende des Spektrums ein beunruhigendes Überwachungsszenario. Was wird eintreten? Das wissen wir heute natürlich nicht. Das Spektrum zeigt aber, dass Technologie per se weder gut noch schlecht ist, sondern vor allem Möglichkeiten eröffnet. Welche davon realisiert werden, hängt davon ab, was wir aus ihnen machen.

Ich persönlich bin Optimistin und glaube, dass durch die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz unser Leben allgemein besser und leichter werden wird. Wie bei den meisten Technologien bisher auch. Das Beispiel aus dem Umfeld KI und Gefühle zeigt aber auch, wie wichtig es ist, dass es eine umfassende Diskussion dazu geben muss, wie Daten zu unserer Person erhoben und verwertet werden. Aus dieser Diskussion muss dann ein Regelwerk entstehen, damit das Gute der Technologie sich entfalten kann und negative Effekte möglichst gering gehalten werden. Welche Möglichkeiten es gibt, um die „dunkle Seite der künstlichen Intelligenz“ einzugrenzen, darauf gehe ich in einem nächsten Blogbeitrag ein.

Zum Schluss ein Beispiel, das verdeutlicht, dass Optimismus in Bezug auf Technologie durchaus gerechtfertigt ist: Vor 10 Jahren wurde an vielen Stellen das Ende des klassischen Buches und der meisten Verlage vorher gesagt. Gelesen würde in Zukunft nur noch digital. Letzte Woche hat die Leipziger Buchmesse stattgefunden. Dabei wurden aktuelle Zahlen bekannt gegeben. Und man höre und staune: es werden so viele Bücher verkauft und gelesen wie nie. Und nicht nur im vermeintlich altmodischen, nicht-digitalen Teil der Bevölkerung, sondern auch bei Kindern und Jugendlichen. Das Zusammenspiel von digitalen und nicht-digitalen Medien ist der Schlüssel zum Erfolg. Das ist für Verlage aber offensichtlich eher eine Chance als eine Bedrohung. Geht doch. Dann kriegen wir das mit den Gefühlen und der Technik doch auch hin, oder?

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